Crimenetwork: Das BKA beschlagnahmt die Domain des dritten Relaunchs
Wer heute c-network.to aufruft, erhält statt eines Forums ein offizielles deutsches Beschlagnahmungsbanner zu sehen. Die Domain gehörte zu Crimenetwork, einem der bekanntesten deutschsprachigen Handelsplätze für gestohlene Daten, Drogen und gefälschte Dokumente. Nach Recherche von Tarnkappe.info und heise online nahm das Bundeskriminalamt (BKA) die Domain am 18. August 2026 in Beschlag, rund zweieinhalb Monate nachdem die dritte Version des Forums Ende Mai online gegangen war. Das BKA bestätigte gegenüber heise die Maßnahme, hat aber bislang keinen ausführlichen Bericht veröffentlicht. Für die Fraud-Foren des deutschsprachigen Untergrunds war es der zweite Schlag gegen dieselbe Marke innerhalb eines Jahres.
Was der Zugriff im Mai belegte
Die Beschlagnahmung im August hatte ein gut dokumentiertes Vorspiel. Anfang Mai 2026 schalteten die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt und das BKA den bisherigen Relaunch von Crimenetwork in einer international koordinierten Aktion ab. Der mutmaßliche Betreiber, ein 35-jähriger deutscher Staatsbürger, wurde an seinem Wohnsitz auf Mallorca von einer Spezialeinheit der spanischen Nationalpolizei auf Grundlage eines Europäischen Haftbefehls festgenommen. Nach der Pressemitteilung des BKA vom 8. Mai 2026 zählte die Plattform mehr als 22.000 Nutzer und über 100 Verkäufer, die mit gestohlenen Daten, Drogen und gefälschten Dokumenten handelten. Die Ermittler beziffern den Umsatz auf mehr als 3,6 Millionen Euro: Der Betreiber kassierte Provisionen auf Verkäufe, die Händler zahlten monatliche Gebühren für Werbung und Verkaufslizenzen. Rund 194.000 Euro an Vermögenswerten wurden vorläufig sichergestellt, dazu umfangreiche Nutzer- und Transaktionsdaten. Bezahlt wurde in Bitcoin, Litecoin und Monero. Spanische und moldauische Behörden sowie Eurojust unterstützten die Aktion, in Karlsruhe lief parallel ein Ermittlungsverfahren wegen gewerbsmäßigen Betrugs.
Drei Zugriffe in zwanzig Monaten
Die Geschichte der Marke liest sich wie eine Fallstudie zu schrumpfenden Lebenszyklen. Das ursprüngliche Crimenetwork bestand jahrelang – Infosecurity Magazine datiert es auf 2012 – bis die Polizei es im Dezember 2024 abschaltete und seinen Administrator festnahm. Im März 2026 verurteilte das Landgericht Gießen diesen Administrator zu sieben Jahren und zehn Monaten Haft und ordnete die Einziehung von Taterträgen über zehn Millionen Euro an. Laut BKA baute der 35-Jährige wenige Tage nach der Abschaltung im Dezember 2024 eine vollständig neue technische Infrastruktur auf und gab ihr denselben Namen. Dieser Relaunch hatte bis zur Operation im Mai 2026 Bestand. Die dritte Version ging Ende Mai 2026 ans Netz, wenige Wochen nach dem Fall ihres Vorgängers; ihre Domain wurde am 18. August beschlagnahmt. Tarnkappe.info zählte nicht einmal zweieinhalb Monate vom Start bis zur Abschaltung. Jede Iteration baute Server und Nutzerschaft neu auf, und jede endete früher.
Was ein Beschlagnahmungsbanner belegt – und was nicht
Ein Beschlagnahmungsbanner ist ein guter Beleg dafür, dass Behörden die Kontrolle über eine Domain übernommen haben. Mehr als das beweist es für sich genommen nicht. Ob die Ermittler auch die Server des Forums erhalten haben, ist unbestätigt: heise berichtet, das BKA wollte sich zu dieser Frage nicht äußern; Tarnkappe.info beschreibt Berichte, wonach Mitarbeiter von ZIT und BKA Zugriff auf die Server haben könnten, ausdrücklich als unbestätigte Gerüchte. Wären die Server unverschlüsselt aufgegriffen worden, wäre das für frühere Mitglieder mittelfristig ein ernstes Problem; andernfalls brennt das Banner im Wesentlichen eine Adresse ab, in einer Szene, die gezeigt hat, dass sie Adressen ersetzen kann. Der Unterschied zählt auch in die andere Richtung, denn das Banner-Format selbst wurde missbraucht – Betrüger imitieren offizielle Takedown-Hinweise, um Seitenbetreiber einzuschüchtern und zur Zahlung zu bringen, ein Muster, das wir in unserem Stück darüber behandelt haben, wann Beschlagnahmungsbanner Teil des Betrugs sind. Bei c-network.to stützen die Bestätigung des BKA und die Vollstreckungsgeschichte aus dem Mai die Echtheit des Banners.
Warum die Relaunches immer wieder kollabieren
Einer der Admins des Forums hatte den eigentlichen Punkt bereits eingeräumt. In Kommentaren gegenüber Tarnkappe.info schrieb ein als mother bekannter Administrator, das Team respektiere die Risiken des Betriebs und habe getan, was es konnte, um das Projekt abzusichern – fügte aber hinzu, in Übersetzung:
Es gibt keine absolute Sicherheit und keine vollständige Anonymität im Internet, selbst wenn man die Webserver im Tor-Netzwerk platziert.
Die strukturellen Gründe für die wiederholten Kollapse sind nicht rätselhaft.
- Der Kreis der Betreiber ist klein, und Nachfolger erben die Aufmerksamkeit: Der Mai-Verdächtige soll seine Version wenige Tage nach der Festnahme im Dezember 2024 gestartet haben, was ihn ins Zentrum der Ermittlungen rückte.
- Einnahmen zentralisieren das Risiko. Provisionen und Verkäufergebühren laufen über ein kleines Team – verhaftet man ein, zwei Personen, steht die ganze Plattform still.
- Die Marke selbst ist ein Risiko. Ein bekannter Name zieht zurückkehrende Nutzer schnell an, garantiert aber auch, dass die Polizei jeden Nachfolger vom ersten Tag an beobachtet.
Für die verbliebenen deutschsprachigen Foren ist der Effekt doppelt. Tarnkappe.info vermerkt, dass Konkurrenten wie Germania und CrimeState die verdrängten Nutzer wahrscheinlich aufnehmen werden; dieselbe Serie von Festnahmen zeigt aber auch, was der Betrieb einer solchen Plattform heute kostet. Die Mai-Aktion lieferte umfangreiche Nutzer- und Transaktionsdaten, die die Ermittler noch auswerten müssen, und das BKA hat eine eigene Informationsseite für frühere Nutzer der Plattform eingerichtet. Zwischen dem Urteil im März, der Festnahme im Mai und der Beschlagnahmung im August zeigt die Akte Crimenetwork sowohl eine Community, die sich immer wieder neu aufbaut, als auch eine Ermittlungsseite, die jeden Neuaufbau schneller beendet als den letzten.










